Forschungsschwerpunkte des CEES

Ausgehend von der an der Universität Zürich bereits vorhandenen Osteuropa-Expertise und den bestehenden Forschungskooperationen definiert das CEES fünf Forschungsinteressen, die über die nächsten Jahre weiterverfolgt und vertieft werden sollen:

Politische Konflikte und Gewaltkonflikte

Unter politischen Konflikten werden Konflikte verstanden, die aus einem Gegensatz zwischen den Interessen und Wahrnehmungen von Individuen, sozialen Gruppen oder staatlichen Akteuren re­sultieren und gewalttätigen Charakter tragen beziehungsweise ein grosses Potential für den Aus­bruch von Gewalt enthalten. Grundsätzlich fallen unter diese Definition zwischenstaatliche und innerstaatliche Konflikte, aber auch Konflikte mit grenzüberschreitendem Charakter (z.B. Terrorismus). Im postsowjetischen Raum gelten als besonders konfliktreiche Zonen die «eingefrorenen» ethnischen Konflikte im Südkaukasus (Abchasien, Südossetien, Berg-Karabach) und in Transnistrien, der Nordkaukasus, Teile Zentralasiens und seit neuestem auch die Ostukraine. Fragen nach den Ursachen, dem Verlauf und den Lösungsstrategien sind Themen, mit denen sich das CEES vertieft auseinandersetzen möchte.

An der Universität Zürich wird bereits zu Fragen mit Bezug zu diesen Themenkreisen gearbeitet. Während an der Abteilung für Osteuropäische Geschichte insbesondere die Entwicklungen im Nord- und Südkaukasus untersucht werden, wird zu Zentralasien seit vielen Jahren am Lehrstuhl für Ethnologie (Prof. Dr. Peter Finke) geforscht. Als Mitherausgeber des Caucasus Analytical Digest hat das CEES bereits gute Kon­takte in die Region und kann auf bestehenden Netzwerken und Kompetenzen aufbauen. Der Kaukasus bildet auch einen Schwerpunkt des CEES Fellowship Programms.

"Desinformation"

Im Rahmen dieses Forschungsschwerpunktes soll in verschiedenen Teilprojekten untersucht werden, wie «Desinformation», die gezielte Vertreibung von falscher oder irreführender Information, national und global funktioniert, wie sie sich historisch entwickelt hat, mit welchen Narrativen und rhetorischen Strategien sie arbeitet, welcher Medien sie sich bedient, welche technischen und ökonomischen Strategien sie verwendet und auf welchen psychologischen Erkenntnissen sie be­ruht. Das Ziel ist, Forscherinnen und Forschern aus unterschiedlichen Disziplinen – Geschichtswissenschaft, Politikwissenschaft, Literaturwissenschaft, Theaterwissenschaft, Psychologie, Informa­tik, Medienwissenschaft und der Rechtswissenschaft – unter dem Dach des CEES zusammenzu­bringen, um gegenwärtige Strategien und Taktiken von Desinformation interdisziplinär und in ih­ren globalen Zusammenhängen zu untersuchen. Ein Fokus liegt dabei auf Russland und der Frage, wie Desinformationsstrategien aus der Zeit des Kalten Krieges in der gegenwärtigen Propaganda und Desinformation im Kontext neuer medialer und digitaler Möglichkeiten reaktualisiert werden.

Aktuell findet an der Universität Zürich Forschung in verschiedenen Disziplinen zu Teilaspekten dieses Thema bereits statt. Zu Osteuropa arbeitet bereits ein Forschungsteam im Rahmen des von Prof. Dr. Sylvia Sasse geleiteten ERC-Projektes "Performance Art in Eastern Europe" zum Thema «Medien, Narrative und Verfahren der Desinformation». Anvisiert wird die Schaffung eines Forschungsverbunds mit Experten aus unterschiedlichen Disziplinen, um gemeinsam die Lancierung eines interdisziplinären Forschungsprojekts anzugehen. Dazu plant Prof. Sasse (Mitglied des CEES-Fachrats) 2020 an der Universität Zürich eine Tagung, welche die Experten erstmalig miteinander vernetzen soll.

Politik, Kultur und die Stabilität gesellschaftlicher Systeme

Seit dem Ende der sozialistischen Systeme und dem Zerfall der Sowjetunion sind die Prozesse in Osteuropa von tiefgreifenden politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Veränderungen geprägt, die noch nicht zum Abschluss gekommen sind. Aktuelle Forschung zu Osteuropa kann nicht umhin, dem Wesen dieser Veränderungen nachzuspüren, wenn nach gesellschaftlichen Grundlagen politischer Systeme, ideologischen Vorstellungen, dem Funktionieren formeller und informeller Institutionen, politischen Vorstellungen sowie den Besonderheiten von Herrschafts- und Machtstrukturen gefragt wird. Mit Blick auf die autoritär regierten Staaten des postsowjetischen Raumes kommt dabei der Frage nach dem Charakter, der Stabilität und der Wandelbarkeit politischer Systeme auch deshalb eine derart wichtige Bedeutung zu, weil bestimmte soziale und politische Dynamiken jeweils nicht nur für die betroffenen Länder und Gesellschaften Konsequenzen haben können, sondern auch darüber hinausgehend. Dies hat jüngst der Fall der Majdan-Revolution in der Ukraine gezeigt.

Mit Fragen von Macht und Gesellschaft beschäftigen sich an der Universität Zürich mit Blick auf Osteuropa namentlich kulturwissenschaftlich angelegte Forschungsprojekte, die derzeit am Slavischen Seminar durchgeführt werden. Zu den genannten Themen wird zwar an den verschiedenen Lehrstühlen des Instituts für Politikwissenschaften der Universität Zürich Forschung betrieben, allerdings fehlt derzeit ein expliziter Regionalbezug zum postsowjetischen Raum, was aus unserer Sicht ein grosses Desiderat darstellt. Entsprechend hat sich das CEES zum Ziel gesetzt, in diesem Bereich einen Forschungsschwerpunkt aufzubauen, um der grossen Relevanz des Themas mit eigener Expertise entsprechen zu können.

Migration, Bevölkerung und soziale Transformation

Ein weiterer Schwerpunkt der Forschung umfasst den weiten Bereich der Migrations- und Bevöl­kerungsstudien, der sich in interdisziplinär angelegter Forschung mit Fragen der Zirkulation von Personen, Gütern und Wissen befasst. Themen wie Migration (z.B. Arbeitsmigration, Flüchtlings­bewegungen), Bevölkerungsrückgang (z.B. bedingt durch niedrige Geburtenraten, hohe Mortali­tätsraten und Abwanderung) oder Probleme der Mobilität innerhalb von Gesellschaften (z.B. Per­spektivlosigkeit von Jugendlichen, Probleme der Integration) sind wichtige, wirtschaftlich und sicherheitspolitisch relevante Entwicklungen, die soziales Konfliktpotential bergen und grosse Her­ausforderung an die Politik stellen.

Diesem Forschungsschwerpunkt wird derzeit vor allem am Lehrstuhl für Ethnologie (Prof. Dr. Pe­ter Finke) mit Blick auf Zentralasien Beachtung geschenkt. Thematisch beschäftigen sich abgeschlossene, laufende und geplante Forschungsarbeiten mit einer Vielzahl unterschiedlicher Themen wie dem Entstehen und Wandel sozialer Kooperation, Identität und Ethnizität, Migrationsbewegungen, Diaspora und Fragen der Integration sowie mit lokalen ökonomischen Strategien und den Transformationsprozessen nach dem Zerfall sozialistischer Systeme. Migrationsfragen bilden auch einen Schwerpunkt der Tagung Eurasia in Transition, die das CEES in Zusammenarbeit mit dem CSS der ETH Zürich am 13.-15. Mai 2020 an der Universität Zürich durchführt.

Geopolitik, regionale Integrationsprojekte und Infrastruktur

In diesem Forschungsschwerpunkt gilt es den integrativen und desintegrativen Kräften im post­sowjetischen und eurasischen Raum nachzuspüren. Seit dem Zerfall der Sowjetunion sind Märkte und Politik in Bewegung; vormalige wirtschaftliche Verbindungen unter den ehemaligen sowjetischen Republiken haben sich abgeschwächt oder aufgelöst, neue haben sich herausgebildet. Während grosse Infrastrukturprojekte (etwa die Energie- und Pipelineprojekte im Kaspischen Raum) Konturen neuer Wirtschaftsräume und politischer Zusammenhänge entstehen lassen, die in asiatischer Richtung auch China als wichtigen Akteur einschliessen, ist insbesondere Russland danach bestrebt, bestehende Abhängigkeiten zu festigen und seine Nachbarstaaten institutionell enger anzubinden (namentlich im Rahmen der Eurasischen Wirtschaftsunion). Die Analyse dieser vielschichtigen regionalen Prozesse und geopolitischen Dynamiken ist zentral, um gegenwärtige und künftige wirtschaftliche und politische Entwicklungen im eurasischen Raum zu verstehen.

Zu Infrastrukturprojekten wird an der Universität Zürich etwa am Geographischen Institut im Rah­men von Untersuchungen zu «Megaprojekten» in Russland (Sven Daniel Wolfe) punktuell For­schung betrieben. Energie, Energiegeschichte und Wirtschaftsfragen mit Blick auf Russland und den eurasischen Raum bilden einen Schwerpunkt der Forschung an der Abteilung für Osteuropäische Geschichte (Prof. Dr. Jeronim Perović, Dr. Maria Shagina). Dieser Schwerpunkt soll über die Vertiefung bestehender Kooperationen in der Zukunft ausgebaut werden. Gemeinsam mit dem Center for Security Studies der ETH Zürich ist vom 13.-15. Mai 2020 die Durchführung einer internationalen Tagung zum Thema «Eurasia in Transition: Geopolitics, Connections and Challenges» vorgesehen.